Antidiskriminierungsberatung in NRW: Beratungszahlen steigen, Schutzlücken bleiben

Rund 50 Expert*innen kamen Ende Oktober zum Fachgespräch des Netzwerks für Antidiskriminierungsarbeit der Freien Wohlfahrtspflege NRW (ada.nrw) zusammen – darunter auch die AWO Mittelrhein. Anlass war der neue Jahresbericht von ada.nrw, der erschreckende Zahlen aufweist: Im Jahr 2024 wurden 1.043 neue Fälle dokumentiert — ein Anstieg von rund 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Bei genauer Betrachtung fällt zudem auf, dass sich immer mehr Diskriminierungsfälle in der Öffentlichkeit ereignen. Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Queerfeindlichkeit manifestierten sich dort besonders häufig – teils offen verbal oder körperlich. Die Zahlen machen deutlich, dass die Gesellschaft in Lager zerfällt. Ideen, die manche Menschen abwerten, finden immer mehr Platz. Diese Aussagen konnten auch die anwesenden Fachleute bestätigen.

Minderheiten werden für gesellschaftliche Krisen verantwortlich gemacht

Rassismus bleibt mit knapp 70 Prozent die häufigste Diskriminierungsform. Besonders häufig traten dabei Antimuslimischer Rassismus (39,1 Prozent) und Anti-Schwarzer Rassismus (22,8 Prozent) auf. „Die steigenden Zahlen sind kein Zufall: Debatten, die geflüchtete Menschen, Migrant*innen und andere Personengruppen für gesellschaftliche Krisen verantwortlich machen, führen dazu, dass Diskriminierung zunimmt und unverhohlener wird. Ratsuchende berichten von offenen Anfeindungen und Ausgrenzung bis hin zu körperlichen Übergriffen“, so Mira Berlin Projektleitung Dokumentation und Berichtswesen des Netzwerks ada.nrw.

Wie sehr das die Betroffenen trifft, zeigten die Schilderungen aus dem Arbeitsalltag von Selda İlter-Şirin, Beraterin beim Anti-Rassismus Informations-Centrum, ARIC-NRW e.V.: „Wir erleben Ratsuchende, die durch jahrelange Diskriminierung erschöpft, verunsichert oder traumatisiert sind. Dies beeinflusst den Alltag stark und erfordert viel Energie, um den Tag zu bewältigen.“

Auch Antisemitismus nahm 2024 deutlich im Vergleich zum Vorjahr zu und machte 6,8 Prozent aller dokumentierten Fälle aus. „Ein großer Anteil, bedenkt man die Größe der betroffenen Community“, gibt Clemens Hötzel von SABRA (Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit, Beratung bei Rassismus und Antisemitismus) zu bedenken. Seit dem Terrorangriff der Hamas auf die israelische Bevölkerung am 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Gaza-Krieg zeigt sich Antisemitismus anhaltend offener. Juden*Jüdinnen litten unter Beleidigungen, Anfeindungen und es kam häufiger zu antisemitischen Straftaten.

Überdies zeigen die Zahlen: Mehr als die Hälfte aller dokumentierten Fälle fielen nicht in den Schutzbereich des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG), weil sie sich zum Beispiel in Schulen oder Behörden ereignen. Menderes Candan, Vorsitzender des Arbeitsausschuss Migration der Freien Wohlfahrtspflege NRW, fasste deshalb die wichtigsten politischen Forderungen zusammen: „Mit Nachdruck fordern wir die schnelle Einführung eines umfassenden Landesantidiskriminierungsgesetzes, das einen wirksamen Schutz gegen Ungleichbehandlung durch staatliche Stellen schafft. Dieses Gesetz muss Betroffenen konkrete Rechte geben, den Staat verpflichten, selbst Diskriminierung zu verhindern, und durch eine unabhängige Ombudsstelle mit echten Befugnissen sichere Anlaufstellen schaffen. Zudem brauchen die Beratungsstellen finanzielle Sicherheit und politischen Rückhalt. Nur so kann gewährleistet werden, dass diese wichtige Arbeit fortgesetzt werden kann.“

Im Jahresbericht von ada.nrw kommt außerdem unser AWO-Kollege Simon Schulz in einem ausführlichen Interview zu Wort. Darin spricht er über aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen in der Bildungs- und Präventionsarbeit im schulischen Bereich mit Blick auf Antidiskriminierung. Simon Schulz ist Teil des BANDAS-Teams. BANDAS gehört zur AWO Mittelrhein und ist eine unabhängige Beratungsstelle für Schüler*innen aus dem Regierungsbezirk Köln, die sich gegen die Diskriminierung von Schüler*innen und für soziale Gerechtigkeit einsetzt.

Das vollständige Interview mit Simon Schulz und weiteren Kolleg*innen aus weiteren Beratungsstellen ist hier nachzulesen: www.ada.nrw/jahresbericht2024

Netzwerk ada.nrw

Das Netzwerk ada.nrw ist ein Beratungsnetzwerk gegen Diskriminierung in NRW. Es handelt sich um einen Zusammenschluss von mehr als 40 landesgeförderten Beratungsstellen gegen Diskriminierung in NRW (ADA-Beratungsstellen) in Trägerschaft von Mitgliedsorganisationen der sechs Wohlfahrtsverbände AWO, Caritas, Diakonie, DRK, Jüdische Gemeinden und des Paritätischen NRW. Weitere Informationen zum Netzwerk sind zu finden unter: www.ada.nrw

Zurück zur Übersicht