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Aktuelles

08.08.2017

Ein neues Angebot der AWO für arabischsprachige Eltern in Köln – Arab_El

Bildquelle: AWO Bundesverband

Autorin: Martina Sabra/AWO-Mittelrhein e.V.

Yunis[1] wird im September sechs - muss er direkt in die Schule oder kann er noch ein Jahr in die KiTa? Anas braucht einen Platz im Offenen Ganztag – wie geht das? Maha braucht Sprachförderung in Deutsch und Nachhilfe, gibt es dafür Zuschüsse? Muss Firas an der Klassenfahrt teilnehmen? Ist der Elternabend Pflicht, was wird da besprochen? Was erwartet uns am Elternsprechtag? Was mache ich als alleinerziehende Mutter oder als alleinerziehender Vater, wo bekomme ich Hilfe?

Fragen über Fragen, ständig Entscheidungsdruck – wer Kinder im Schulalter hat, kennt das. Besonders stressig ist der Einstieg in das komplizierte deutsche Bildungssystem, wenn man parallel die Grundlagen der deutschen Sprache erlernen, vielleicht auch noch traumatisierende Erfahrungen verarbeiten und/oder gesundheitlich beeinträchtigte Angehörige begleiten muss – ganz zu schweigen vom täglichen Behördenmarathon.

Viele Familien aus arabischsprachigen Ländern wie Syrien und Irak sind durch Krieg, Flucht und mehrjährige familiäre Trennungen belastet. Unter solchen Umständen sind verlässliche Bildungsangebote und gut informierte Bezugspersonen für die Kinder essentiell. Doch oft brauchen die arabischsprachigen Eltern oder Erziehungsberechtigten selber Hilfe. Wie steigen wir da durch? Wo finden wir verständliche, verlässliche Informationen über das Bildungssystem auf Deutsch UND Arabisch? Wie können wir als Eltern aktiv werden und mitwirken? Wohin können wir uns bei Konflikten und Erziehungsproblemen wenden?

Hier setzt ein neues Projekt an, das die Integrationsagentur der AWO Mittelrhein e.V. im Frühjahr 2017 im Rahmen des NRW-Landesprogramms KOMM AN in Köln gestartet hat. Unter dem Titel „Arabischsprachige Eltern stärken“ (kurz Arab_El) können arabischsprachige Eltern ihre Kompetenzen verbessern, um die hiesige Bildungslandschaft zu verstehen und sich zum Wohl ihrer Kinder zu engagieren.

Das AWO-Projekt will mehr Informationsaustausch und Vernetzung ermöglichen – durch offene Info-Cafés, eine Facebook-Gruppe für arabischsprachige Interessierte und die Aufbereitung vorhandener arabischsprachiger Ressourcen zum Thema Bildung.

Die Resonanz auf das Angebot ist bislang durchweg positiv.

„Ich hatte selbst schon einige Informationen auf Arabisch im Internet gefunden. Aber ich habe erst hier von anderen Eltern erfahren, dass der herkunftssprachliche Arabischunterricht in der Schule unter Umständen als zweite Fremdsprache anerkannt wird und dass meine große Tochter so auch ohne die reguläre zweite Fremdsprache zum Abitur zugelassen werden kann“, sagt Raed, ein Familienvater aus dem Irak. „Das war für uns eine große Erleichterung“. Ein anderer Vater nickt zustimmend: „Für uns war es auch sehr interessant: Wir wussten nicht, was die OGS genau ist und dass man die Kinder dort noch mal extra anmelden muss, auch wenn man einen Schulplatz hat. Wir hatten zwar eine Broschüre, aber manches wird erst im Gespräch richtig klar“.

Auch Nabila, Witwe und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern aus Syrien, fand den Austausch mit anderen Eltern und mit Fachleuten bei der AWO - Integrationsagentur hilfreich. Sie war besorgt, weil ihr Jüngster am Ende des letzten Schuljahres keine Empfehlung für das Gymnasium bekommen hatte und er nun „nur“ die Realschule besucht. „Wir haben im Info-Café über die verschiedenen Schulformen gesprochen. Mir war nicht bewusst, dass es in Deutschland so viele verschiedene Wege zum Abitur und zum Studium gibt. Dass eine Berufsausbildung hier gesetzlich geregelt ist und ein hohes Ansehen hat, war für mich auch neu. Die praktischen Informationen fand ich gut, ich fühle mich jetzt besser und ich interessiere mich mehr für das, was meine Kinder in der Schule machen“.

Ab Herbst 2017 wird das Projekt AWO - Arab_El neben den Info-Cafés auch arabisch-deutsche Fachvorträge und geschlossene Workshops mit einem arabischsprachigen Psychologen anbieten, unter anderem zu Themen wie: „Flucht und kulturelle Werte“, „Erziehung in schwierigen Zeiten“ oder „Umgang mit Stress im familiären Kontext“.

Neben solchen Informations- und Vernetzungsaktivitäten will das Projekt AWO- Arab_El auch die institutionellen Strukturen in den Blick nehmen, die Einfluss auf die Bildungschancen geflüchteter Kinder und Jugendlicher in Köln haben. Ziel ist, strukturelle Defizite zu identifizieren, die den Zugang (nicht nur) arabischsprachiger Kinder und Jugendlicher zu Bildungsangeboten erschweren können oder die die Bildungsbiografien negativ beeinflussen können.

So müssen nach wie vor viele geflüchtete Kinder in den ersten Monaten nach der Ankunft in Deutschland ganz ohne Schule klarkommen, obwohl sie das Recht auf einen Schulplatz haben. Andere geflüchtete Kinder haben möglicherweise einen Schulplatz, doch die Situation in vielen Unterkünften – teilweise sind die Räume nacb oben offen, kaum Privatsphäre - macht das Lernen sehr schwer. „Unser Sohn war ein guter Schüler, aber er hat kaum noch Motivation“, klagt eine Mutter aus dem Irak. „Der Lärm hier in der Notunterkunft ist schwer zu ertragen, und man wird ständig gestört.“ Eine eigene Wohnung würde das Problem lösen, doch bezahlbaren Wohnraum gibt es in Köln kaum noch, daher werden viele Familien von einer Unterkunft in die nächste verlegt. „Für die Kinder heißt das oft, dass sie sich gerade eingelebt haben, und schon wieder weg müssen. Das ist nicht gut, es kann Kinder komplett demotivieren und ihnen die Lust auf Schule verhageln“, sagt eine Sozialarbeiterin, die in einer Notunterkunft mit arabischsprachigen Familien arbeitet.

Schwierig kann es auch für Kinder und Jugendliche mit Behinderung sein. Die Ende 2015 aus Syrien geflüchtete alleinerziehende Mutter Fatima und ihr 20jähriger Sohn Jamal haben zwar beide Anfang 2017 Asyl bekommen und damit das Recht auf einen Integrationskurs. Doch nur Fatima konnte sich direkt anmelden und ist mittlerweile schon bei Niveau A2 angekommen. Ihr Sohn Jamal saß im Frühjahr 2017 immer noch tagein, tagaus in seinem winzigen Zimmer im Flüchtlingswohnheim und langweilte sich. Der Grund: Jamal ist seit einem Unfall stark gehbehindert und kann nicht allein in die Schule gehen. Ein gemeinsamer Schulbesuch mit seiner Mutter scheidet aus, da es an deren Schule keinen Aufzug gibt. „In Syrien hatte ich vor dem Krieg die 9. Klasse beendet, dann kam der Krieg, alles war kaputt. Ich dachte, dass ich in Deutschland endlich wieder lernen könnte“, sagt Jamal frustriert. „Doch Fehlanzeige. Das Nichtstun und das Alleinsein machen mich fertig“. Fatima hätte ihrem Sohn gern längst geholfen, aber wie? Für die komplizierten Paragraphen und Formulare reicht ihr Deutsch noch lange nicht. Und beim Jobcenter hat sich bislang niemand um die besondere Situation von Jamal gekümmert. Über 18 Monate erhielt er weder eine Gehhilfe noch Psychotherapie, auch keine Physiotherapie. „Das wäre dringend notwendig, denn ich schaffe das allein schon rein körperlich nicht“, sagt Fatima.

Seit einem Besuch der Integrationsagentur der AWO Mittelrhein e.V. hat Jamal nun wieder neuen Mut gefasst.  Beim arabischsprachigen Info-Café konnte der junge Mann einen nützlichen Kontakt zu einem Netzwerk für Geflüchtete mit Behinderung und zum Jugendmigrationsdienst der AWO Mittelrhein e.V. knüpfen. Resultat: Jamal hat nach 18 Monaten in Deutschland endlich eine Gehhilfe erhalten. Außerdem kommt zweimal wöchentlich ein Ehrenamtlicher zu ihm nach Hause, der mit ihm Deutsch lernt und der ihn bei Terminen außer Haus begleitet. Damit sind die Chancen gestiegen, dass Jamal bald auch an einem regulären Integrationskurs teilnehmen und endlich Deutsch lernen kann. Der Antrag ist nun endlich gestellt. „Endlich passiert was“, sagt Jamal und freut sich sichtlich. „Ohne das Projekt Arab_El würde ich wahrscheinlich immer noch den halben Tag im Bett liegen und stur an die Decke starren. Jetzt habe ich wieder ein Ziel: Deutsch lernen im Integrationskurs und eine Arbeit finden.“


[1] Alle Namen zum Schutz der Privatsphäre geändert

Ihr Kontakt bei Arab_El: Arab-El@awo-mittelrhein.de

 

 

 

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